Gereon Janzing, geobotánico y etnobotánico
Gereon Janzing, geobotánico y etnobotánico

Parallelen zwischen Katalanisch und Bündnerromanisch

Karte in meinem Sprechführer Bündnerromanisch

Sowohl das Katalanische als auch das Bündnerromanische (die rätoromanischs Sprache des Schweizer Kantons Graubünden) sind romanische Sprachen, das heißt, sie stammen vom Latein ab. Somit ist klar, dass sie viele Züge und viele Wörter gemeinsam haben. Doch sie haben auch einige Entwicklungen gemeinsam, die sie nicht mit den anderen romanischen Sprachen teilen. Vergleichen wir hier das Katalanische mit dem Surselvischen (Sursilvanischen), dem Dialekt, den die Hälfte der Bündnerromanen spricht.

Selbstverständlich gibt es viele Wörter desselben Ursprungs in den zwei Sprachen und auch auf Okzitanisch, Französisch und Italienisch, obwohl nicht auf Spanisch: cosí – cusrin, okz. cosin, fr. cousin, it. cugino (lateinisch consobrinus), span. primo („Cousin“); llit – letg, okz. lièt, fr. lit, it. letto, span. cama („Bett“); prendre – prender, okz. prene, fr. prendre, it. prendere, span. tomar („nehmen“). Das Galicische und das Portugiesische stehen hier auf der Seite des Spanisches. In der Linguistik sagt man, dass sich mehrere Isoglossenlinien zwischen Katalanisch und Spanisch bündeln.

Und nicht nur in Bezug auf den Wortschatz: Ein gemeinsamer Zug aller romanischen Sprachen östlich dieser Linie und nicht derjenigen westlich ist das Vorhandensein stammbetonter Infinitive: perdre – piarder, fr. perdre, it. perdere, alle auf der ersten Silbe betont; spanisch, galicisch und portugiesisch perder mit Akzent auf der Endung. Und alle Sprachen östlich der Linie haben Verben, die in bestimmten Formen eine Stammerweiterung zwischen Stamm und Endung einschieben: oferir > ofereixes – offerir > offereschas; im Allgemeinen sind es Verben der i-Konjugation, im Bündnerromanischen und Rumänischen auch der a-Konjugation; in Spanisch, Galicisch und Portugiesisch gibt es keine solchen Verben.

Eine phonologische Parallele ist, dass im Katalanischen und Bündnerromanischen (und auch im Leonesischen) ein anlautendes l in vielen Fällen palatalisiert wurde: la lluna  (dasselbe im Leonesischen) – la glina („der Mond“, in den Dialekten des Engadins la glüna mit ü wie in französisch lune), la llima – la gliema („die Feile“). Derselbe Laut existiert in beiden Sprachen auch am Wortende (was für viele Spanischsprecher eine Herausforderung darstellt): all – agl  („Knoblauch“, beide mit derselben Aussprache), caball – cavagl („Pferd“).

Da auslautendes e und o, die im Spanischen und Italienischen meist erhalten sind, im Katalanischen und Bündnerromanischen ausgefallen sind, haben einige Wörter in beiden Sprachen dieselbe Form: cor („Herz“), antic („alt, antik“), veterinari („Tierarzt“), nas („Nase“), accident („Unfall“), vocabulari („Wortschatz“) ... Andere Wörter, die gleich sind: cua („Schwanz“), temps („Zeit“), mai („nie“); aschi und així werden gleich ausgesprochen und bedeuten beide „so“. Katalanisch malgrat und  bündnerromanisch malgrad („trotz“) werden fast gleich ausgesprochen (nur ist einzugestehen, dass das bündnerromanische l wie das spanische klingt und nicht velarisiert wie das katalanische). Und schließlich heißt der Regenbogen auf Katalanisch arc de Sant Martí, auf Bündnerromanisch artg sogn Martin.

Während man auf Spanisch und Italienisch verde  („grün“) für beide Geschlechter sagt, sagt man auf Katalanisch und Bündnerromanisch verd (in beiden Sprachen wie vert ausgesprochen) nur im Maskulinum, im Femininum hat sich analogisch die Form verda entwickelt. Im Bündnerromanischen wurde die Endung -a verallgemeinert: grond – gronda („groß“), liber – libra („frei“), auf Katalanisch für beide Geschlechter: granlliure.

Auch das Wort blau, das germanischen Ursprungs ist und dasselbe wie im Deutschen heißt, fällt in beiden Sprachen zusammen. Und in einigen bündnerromanischen Dialekten ist das Femininum wie im Katalanischen blava (auf Surselvisch ist es jedoch blaua).

Das bündnerromanische Wort für „Schiff“ ist bastiment (mit stummem t im Auslaut). Im Katalanischen ist dasselbe Wort (auch mit stummem t) veraltet, wird aber noch im Roussillonesischen verwendet.

Hier kann man noch darauf hinweisen, dass der katalanische Dialekt von Aiguaviva in vielen Wörtern den Diphthong ia hat: siat  „sieben" ist dasselbe Wort wie im Surselvischen.

Das Verb dormir „schlafen“ wird in einem großen Teil des Ostkatalanischen wie durmí ausgesprochen. Dieselbe Aussprache hat das surselvische Wort durmir (auch dort ist das auslautende r stumm). In den stammbetonten Formen wird das u im Surselvischen in einem Teil des Gebietes zu o (im anderen Teil zum Diphthong ie). So haben wir dormen auf Katalanisch und dorman auf Surselvisch, mit fast gleicher Aussprache. Der Konjunktiv ist in beiden Sprachen dormin.

Für „Kupfer“ sagt man im Katalanischen neben coure auch aram, im Surselvischen ist das irom. Während „Draht“ normalerweise auf Katalanisch filferro (wörtlich „Eisenfaden“) heißt, sagt man auf Valenzianisch und Ibizenkisch fil d'aram (also wörtlich „Kupferfaden“, im Ibizenkischen heute aber immer mehr durch das spanische Wort alhambre ersetzt), auf Surselvisch ist es entsprechend fildirom.

Parallelen in Redewendungen oder der Satzstruktur sind im Allgemeinen nur diejenigen, die die beiden Sprachen mit anderen romanischen Sprachen teilen. Z. B. sagt man in beiden Sprachen wörtlich „15 Tage“ für zwei Wochen: katalanisch quinze dies, bündnerromanisch quendisch dis, dasselbe auch auf Spanisch, Französisch und Italienisch. Diese Wendung befremdet Menschen anderer Muttersprache beim Erlernen dieser Sprachen.