Plantes i humans
Plantes i humans

Orale Literatur

Viele Menschen kennen die Literatur nur als etwas Geschriebenes. Das Konzept der oralen Literatur ist in der Ethnolinguistik wichtig, aber in der breiten Mehrheit völlig unbekannt.

Wenn wir sprechen, sprechen wir nicht immer frei, sondern in gewissen Traditionen. Zum Beispiel wenn wir traditionelle Märchen erzählen, ist das orale Literatur – einige Philologen, Ethnologen und andere sammeln traditionelle Märchen und schreiben sie auf und verwandeln so einen Teil der oralen Literatur in geschriebenen Literatur. Auch wenn wir selber Märchen schaffen, tun wir das gewöhnlich in einer Tradition und nutzen bekannte Schemen, die Teil der oralen Literatur sind.

Auch Sprichwörter gehören zur oralen Literatur. Wenn ich sage „Wer andern eine Grube gräbt, fällt selbst hinein“, sage ich das nicht als einen spontanen Satz, sondern ich wiederhole etwas mit Tradition. Ich kann sogar nur den ersten Teil sagen, und meine Zuhörer wissen den zweiten Teil, wenn sie mit diesem Werk der oralen Literatur vertraut sind.

Die Grußformeln sind ein bedeutsamer Teil der oralen Literatur. In einigen Kulturen gibt es lange Rituale aus obligatorischen Sätzen zur Begrüßung. Zum Beispiel im Wolof (in Westafrika) bezieht man in festen Augenblicken eines langen Rituals den Namen des anderen mit ein und fragt, wie es ihm geht, und jener erwidert, es gehe gut, egal, wie es ihm wirklich geht. Auch auf Katalanisch und Spanisch ist es sehr verbreitet, beim Grüßen zu fragen: „Wie geht es?“ Und zwar ist das, anders als im Deutschen, auch üblich, wenn man jemanden zum ersten Mal trifft. Im Englischen fordert die Frage "How do you do?" keine Antwort, sondern eine Wiederholung derselben Frage.

Die traditionellen Allegorien sind ebenfalls orale Literatur. Wenn wir von einem schwarzen Schaf sprechen, ist es überflüssig, das einem Erwachsenen zu erläutern, da er diese Allegorie schon kennt. In großen Teilen der Erde verstehen uns die Menschen, wenn wir „Herz“ sagen, uns in Wahrheit aber nicht auf den Körperteil diesen Namens beziehen, sondern auf die Emotionen und speziell auf die Liebe. Im Indonesischen hat die Leber (auf Indonesisch hati) dieselbe allegorische Bedeutung, nicht das Herz. In dem satirischen Roman „Reise nach Kasohinien“ von Sándor Szathmári fühlt der Reisende sich zunächst in einer Menschengruppe unverstanden, weil sie die Allegorie des Herzens nicht verstehen. Danach in einer anderen Gruppe versteht er selber nicht die Allegorie, wenn sie die Lunge in derselben übertragenen Bedeutung verwenden. Das ist sehr normal, dass wir uns schwer tun, Allegorien anderer Kulturen zu verstehen.

Eine Menge symbolischer Bedeutungen hat das Wort „essen“ (oder deutsch auch „fressen“). Wenn jemand auf Irisch sagt: „Er isst die Nachbarn“, heißt das: „Er redet schlecht über die Nachbarn.“ Wenn wir auf Deutsch sagen: „Ich habe dich zum Fressen gern“, heißt das: „Ich habe dich sehr gern.“ In mehreren Papuasprachen heißt es, wenn jemand droht: „Ich werde dich aufessen“, einfach: „Ich werde dich verhexen.“ Viele Reisende verstanden nicht die Allegorie und glaubten, dass sei eine Androhung von Kannibalismus. Es ist eine Tendenz der Menschen, dass wir das, was Mitglieder anderer Kulturen sagen, wörtlich nehmen und dass wir denken, sie wären nicht in gleicher Weise zum Symbolisiseren fähig wie wir. Das verursacht oft Missverständnisse im interkulturellen Kontakt.