Gereon Janzing, geobotánico y etnobotánico
Gereon Janzing, geobotánico y etnobotánico

Veganismus - Welche Interessen stecken dahinter?

(Eine kürzere Version dieses Artikels erschien im Juni 2016 in der Zeitschrift "Umwelt aktuell".)

Bis vor einigen Jahren war der Veganismus eine Ernährungsweise weniger asketischer Querköpfe, die sich vielen Anfeindungen aussetzten und für ihre Willensstärke Bewunderung verdienten. Dagegen ist er neuerdings eine Mode in Kreisen, die früher die Vegetarier belächelten. Wie kommt es zu diesem plötzlichen Imagewandel? Ist das ein plötzliches höheres Bewusstsein? Oder muss man hier doch eher versteckte kommerzielle Motive vermuten?

Was bewegt Menschen dazu, sich derart zu kasteien und sich mit ihrer Ernährung weitgehend aus der Gesellschaft auszuklinken? Betrachten wir mal nicht die Leute, die in einer Großstadt leben und wohlweislich Tierprodukte aus dem Supermarkt meiden. Richten wir unser Augenmerk auf jene Leute, die bei einem Fest einen Salat aus lauter lokalen, kleinbäuerlich erzeugten Produkten zurückweisen, weil er Ei enthält, die auf Reisen viele lokale Spezialitäten verschmähen und damit ihre Gastgeber mit aller Selbstverständlichkeit vor den Kopf stoßen. Lässt sich dieses wenig soziale Verhalten zumindest ökologisch begründen?

Während ökologisch bewusste Menschen bemüht sind, Produkte aus Massentierhaltung zu meiden, und Produkte zum Beispiel aus Wanderschafhaltung unterstützen, begnügen sich immer mehr Menschen, denen das vernetzte Denken der Ökologie nicht liegt, mit dem einfachen dualistischen Schema: „Tierprodukte sind schlecht, pflanzliche und synthetische Produkte sind gut“. Damit haben sie sicher aus ökologischer Sicht eine bessere Wahl getroffen als andere mit ihrem exzessiven Fleischkonsum.  Zumal wenn es sich bei ihrem Veganismus um eine vorübergehende Selbstdefinition innerhalb des Selbstfindungsprozesses junger Menschen handelt, die Weichen für ein späteres verantwortungsbewusstes Konsumverhalten stellen kann.

Es gibt Veganer, die sich bedeutend vielseitiger ernähren als die durchschnittlichen Karnivoren. Und so kann ein gut zubereitetes veganes Menü für einen Fleischesser eine Bereicherung sein. Dennoch sollte uns das nicht über die Tatsache hinwegtäuschen, dass der Veganismus von seiner Idee her keine Bereicherung, sondern eine Verarmung ist; er bietet seinen Adepten keine neuen Möglichkeiten, sondern nimmt ihnen viele Genüsse, ähnlich wie es Diabetes und Lebensmittelallergien tun, nur in noch stärkerem Maße. Im Grunde ist er eine psychosozial motivierte Allergie gegen Tierprodukte. Ein Vorteil des Veganismus ist allerdings, dass man ihn mit Willensstärke überwinden kann, was beim Diabetes nicht der Fall ist.

Manche Veganer weisen darauf hin, dass beim Konsum von Tierprodukten im Verhältnis zum direkten Konsum der Pflanzen Energie verloren geht. Das ist im Prinzip richtig und ein gewichtiges Argument gegen übermäßigen Fleischkonsum und gegen die Massentierhaltung, wo Tiere im Stall stehen und mit Produkten gefüttert werden, die sie zu direkten Nahrungskonkurrenten für uns Menschen machen. Aber das Ökosystem Viehbetrieb ist komplexer als dieses eindimensional-dualistische Denken. Wenn Tiere auf der Weide sind, insbesondere in Gelände, das für Ackerbau nicht geeignet ist, treten sie nicht in Nahrungskonkurrenz zu den Menschen. Zudem ist ein Argumentieren mit der Energiebilanz zynisch, wenn jemand die mit reichlich fossiler Energie hergestellten und verpackten veganen Milch- und Käseimitate konsumiert. Darüber hinaus gibt es insgeamt oft mehr Ertrag als nur Milch und Fleisch, der in der Bilanz allzu oft vergessen wird, etwa Mist und Arbeitskraft. Ein Teil der Energie geht als Wärme in die Umgebung, was bei winterlicher Stallhaltung den darüberliegenden Räumlichkeiten zugute kommen kann. Bei Weidehaltung schaffen die Tiere in etlichen Fällen noch wertvolle Ökosysteme. Diesen Wert kennen die Veganer offenbar nicht. Hinzu kommt der Nutzen des engen Kontaktes zu den Tieren in der bäuerlichen Landwirtschaft für die Psyche der Tierhalter. Dass Veganer und andere von Nutztieren entfremdete Städter diesen Nutzen nicht kennen, liegt auf der Hand.

In der Praxis bedeutet Veganismus mancherorts oftmals, dass jemand die lokal erzeugten Tierprodukte ablehnt, auch wenn sie aus ökologisch noch so angepasster Wirtschaftsweise stammen und noch so wertvolle Ökosysteme schaffen, und durch Produkte aus Soja ersetzt, die in gigantischen, ökologisch verheerenden Pflanzungen wächst, oftmals gentechnisch verändert, und mit dem Flugzeug von Argentinien nach Europa gebracht wird. Und dass vermehrt „pflanzliche Fette und Öle“ verwendet werden, was in der Praxis meist Palmöl ist, zu dessen Produktion riesige Urwaldareale in Indonesien und Malaysia zerstört werden, was nicht nur die Orang-Utans an den Rand des Aussterbens bringt. Ist der Veganismus eine Strategie, um Globalisierungsgegner und Umweltschützer zum Schweigen zu bringen?

Wenn sich jemand so viele Gaumenfreuden verbietet, ist sicher nicht erstaunlich, wenn so eine Person aggressiv wird, weil andere sich nicht denselben Verboten unterziehen und das Leben unbeschwert mit Milchkaffee, Omelette, Tintenfischringen und Käsekuchen genießen.

Viele Leute, ob Veganer oder Karnivoren, machen sich keine Gedanken über die Schäden, die gentechnisch veränderte Pflanzen anrichten, und zwar nicht nur hypothetisch, sondern tatsächlich beobachtbar. Da ist einmal die Tatsache, dass sie oft so verändert wurden, dass sie nur mit bestimmten Chemikalien (die vom selben multinationalen Konzern vermarktet werden wie die Pflanzen) wirtschaftlich anzubauen sind, wodurch sie die Bauern in eine verstärkte Abhängigkeit von den Großunternehmen bringen und zudem Produzenten und Konsumenten verseuchen (worin heute teils die Ursache für die zunehmend auftretende Zöliakie gesehen wird). Ein weiteres Problem sind die Saatgutpatente auf die gentechnisch veränderten Produkte, die den Bauern die Produktion eigenen Saatgutes verbieten und so die Saatgutsouveränität nehmen. Auch dadurch geraten die Bauern immer mehr in Abhängigkeit von den Unternehmen. Viele Bauern in Indien und anderen Ländern haben dadurch ihre Existenz verloren, Tausende haben sich deshalb schon das Leben genommen. Das kriegen die Sojakonsumenten, egal ob Veganer oder Konsumenten von Rindfleisch auf Sojabasis, in ihren wohlbehüteten Luxusküchen natürlich nicht mit.

Lasst uns einen Blick auf die Insel Ibiza werfen, als Beispiel eines Gebietes, wo der Veganismus in den letzten Jahren sehr viel Zulauf bekommen hat.

Ibiza zeichnet sich durch das Vorhandensein mehrerer Parallelwelten aus, die voneinander wenig wissen. Es gibt auf der einen Seite die alteingesessenen Ibizenker, unter ihnen Bauern, die mit ihrem Ressourcenmanagement die Bevölkerung der Insel jahrhundertelang auch durch schwierige Zeiten am Leben erhalten haben. Die Viehwirtschaft ist teilweise die im Mittelmeergebiet traditionelle Wanderhaltung (Transhumanz) mit Ziegen und Schafen, der wertvolle Ökosysteme wie die Garrigue mit ihrer spezifischen Flora zu verdanken sind. Während man auf Menorca Massen von Kühen auf der Weide sieht, beschränkt sich auf Ibiza die Rindviehhaltung auf einen einzigen Betrieb, den man, ohne ihm Unrecht zu tun, der Massentierhaltung bezichtigen kann.

Andererseits kommen seit der Hippiezeit viele mehr oder weniger junge Menschen auf die Insel, zumeist sind sie entwurzelt, haben keinen Bezug zu ihrer Herkunftskultur und zeigen auch keinen Respekt gegenüber ihrer Gastkultur. Auch zum Boden und zur Nahrungsproduktion haben die meisten wenig Bezug. Viele haben durch ihre Eltern oder andere Umstände einen guten finanziellen Rückhalt, sodass harte Arbeit und Ressourcenmanagement für sie Lachnummern sind. Einzelne verkörpern noch die alten Hippie-Ideale. Andere erklären sich zu Fürsprechern der Ökologie. Da sie aber nie ökologisches Denken gelernt haben, wollen sie eher Ibiza vor den Ibizenkern schützen. Viele urteilen besserwisserisch und abwertend über die Bauern, da sie genau wissen, wie man die Welt rettet. Etlichen unter ihnen kam die vegane Mode sehr gelegen, da sie ihnen neue Argumente liefert, sich gegen die Bauernkultur abzugrenzen, sich als moralisch höherwertig zu fühlen und ihre mangelnde Integrationsbereitschaft zu rechtfertigen.

Es gab auf Ibiza ein veganes Restaurant, dessen Inhaber ihr Gemüse selber anbauen wollten. Als Veganer wollten sie keinen tierischen Dünger verwenden (und offensichtlich auch nicht auf vegane Kunstdünger ausweichen). So wuchs das Gemüse mehr schlecht als recht. Was taten sie? Sie kauften für ihr veganes Restaurant Gemüse vom biologisch wirtschaftenden Nachbarbetrieb, organisch gedüngt mit kompostiertem Mist, zogen also doch Nutzen aus der Viehhaltung. Eines Tages, mitten in der Hochsaison, gaben sie den Restaurantbetrieb auf, weil sie enttäuscht feststellten, dass er wirklich Arbeit bedeutete.

Viele Wahl-Ibizenker haben im Internet gesehen, wie schlimm es in der Massentierhaltung zugeht. Und obgleich sie manchmal wandernde Schaf- und Ziegenherden sehen, sind sie nicht zur kognitiven Leistung fähig, zwischen dieser Weidewirtschaft und der ökologisch verheerenden und ethisch verwerflichen Massentierhaltung zu differenzieren.

Die Geschäfte, die sich am meisten an die Bedürfnisse der Veganer anpassen, sind diejenigen, die sich Bioläden nennen. In vielen von ihnen finden Möchtegern-Asketen, die sich Käse verbieten, aber dennoch nicht auf seinen Geschmack verzichten wollen, Ersatzprodukte aus gentechnisch veränderter Soja und Palmöl, deren Geschmack mit diversen Chemikalien an den von Käse angeglichen wurde. Milchprodukte aus biologischer Tierhaltung werden durch Gensoja-Produkte ersetzt. Läden, die gesundheitsbewusste Menschen zur Soja verführen wollen, schießen wie Pilze aus dem Boden. Die Produkte aus Massentierhaltung in den Supermärkten bleiben dagegen unangetastet.

Allerdings gibt es vereinzelt auch vegane Rohköstler. Diese ernähren sich nicht von Soja und synthetischer Nahrung, aber auch deren Gemüse braucht Dünger, eben zumeist aus der Tierhaltung.

Außerhalb Ibizas gibt es zwar kaum noch Menschen, die sich in der Tradition der Hippies sehen. Aber die vegane Mode findet auch anderswo Adepten unter Wohlstandskindern, die sich nie Sorgen um ihre Nahrungsmittelsicherheit machen mussten und sich deshalb leisten können, natürliche und naturnah erzeugte Lebensmittel aus ideologischen Gründen zu verachten.

Neben den ideologischen Veganern gibt es auch praktische Veganer, die keine Tierprodukte essen, weil sie dort, wo sie leben, keine bekommen können, die ihnen ethisch oder gesundheitlich vertretbar erscheinen. Etwa wollen sie nicht die behandelte, gesundheitlich zweifelhafte Milch aus Massentierhaltung, die es in Supermärkten gibt, sind aber, wenn sie auf dem Land zu Besuch sind, gerne bereit, frische Milch zu trinken. Sicher besteht ein Unterschied, ob jemand vegan ist z. B. auf Fuerteventura, wo ökologisch angepasste Nutztierhaltung kaum möglich ist und die Ziegen ein ökologisches Desaster sind, oder etwa auf Ibiza.

In der Regel sind Veganer so harmlos wie andere Asketen, solange sie andere Menschen in Ruhe Hühner halten sowie Käsefondue und Hirschleber essen lassen. Auch der ökologische Schaden, den sie mit ihrer Ernährung anrichten, ist sicher in der Regel geringer als derjenige unkritischer Fleischesser, die die Massentierhaltung unterstützen. Problematisch wird es, wenn sie ihre defizitäre Ernährung auch ihren Kindern, vielleicht gar ihren Katzen aufzwingen.

Viele Veganer (oftmals Personen, die erst kurz zuvor mit dieser Ernährungsweise angefangen haben und voraussichtlich auch nicht lange dabei bleiben) kreieren soziale Spannungen, indem sie anderen erzählen, was sie für Gewalttäter seien, wenn sie Fleisch essen, zur Selbstversorgung Ziegen halten oder im Gemüsebeet Schnecken töten. Sie erklären ihre dogmatische Ernährung zu einer allgemeingültigen Heilslehre und wähnen sich als Pioniere einer neuen Weltordnung, die die Nutztierhaltung verbietet. Mit der Überheblichkeit von Luxuskindern, die nie im Schweiße ihres Angesichtes ihr Brot verdienen mussten. Kulturlandschaften von großer ökologischer Bedeutung wie alpine Sömmerungsweiden und mediterrane Garrigues wollen sie verschwinden lassen, die historisch gewachsene Vielfalt an lokalen Käsesorten wollen sie vandalisch vernichten zugunsten einer überall gleichen Gensoja. Und während sie ihr industriell erzeugtes Käseimitat essen, betrachten sie diejenigen, die das ländlich erzeugte Original genießen, als anachronistisch. Eine ausgewogene Ernährung auf Pflanzenbasis mit einem gewissen Anteil an Tierprodukten halten sie für obsolet, da man ja heute synthetische Vitamin-B12-Präparate auf Erdölbasis erzeugen kann. Auch das Arbeiten mit Zug- und Tragtieren (das manche Bauern aus praktischen Gründen oder aus Freude an der Arbeit bewusst betreiben) sehen sie unabhängig von allen praktischen Faktoren als Anachronismus, da es ja Traktoren und fossile Treibstoffe gibt. Noch im 21. Jahrhundert folgen sie der blinden Technikgläubigkeit der 1950er und 60er Jahre und zeigen keine Spur eines Gedankens an Nachhaltigkeit. Warum auch? Die Veganer sind ja sowieso die Guten. Und dass in manchem Gelände, etwa an vielen Hängen der Anden, das Ochsengespann gar nicht durch einen Traktor ersetzt werden kann, wer teilt das den Veganern in ihren Luxuswohnungen mit?

Aus den Käseimitaten kann man wohl schließen, dass viele Veganer, obwohl sie sich keinen Käse gönnen, ihn an sich für wertvoll halten. Denn niemand imitiert etwas als minderwertig Erachtetes (es sei denn als Satire). Ergo: Viele Veganer lieben Käse. Aber er darf nicht zu natürlich sein, nicht auf Viehhaltung beruhen, sondern muss industriell erzeugt sein, da die Industriellen ethisch handeln, während die Tierhalter nur am Geld interessiert sind. Auch aus Cashewnüssen werden Käseimitate hergestellt. Die Anbaubedingungen der Cashewnüsse in Vietnam sind den Veganern nicht so wichtig. Denn schlimmer, als Menschen unter sklavenähnlichen Bedingungen zu halten, ist es, die armen Tiere zu melken.

Es gibt da Leute, die den Käsern vorwerfen, sie würden etwas Schädliches produzieren, nur um des Geldes Willen. Sollten sie das nicht lieber mal den Herstellern von Atomkraftwerken und Kriegsmaschinerie vorwerfen? Als Käser arbeitet man in der Regel, weil man gerne Käse isst. Falls Käse denn wirklich so schlimm ist, werden also die Käser als erste Schaden nehmen. Für Menschen, die Arbeit nur als lästiges Geldverdienen kennen und nicht als Leidenschaft, ist das natürlich unbegreiflich. Und dann gibt es die, die einem Ziegenhirten, der jedes seiner Tiere persönlich kennt, vorwerfen, wie schlimm er seine Tiere behandelt. Woher wissen sie, wie er seine Tiere behandelt? Wie wir bereits am Beispiel von Ibiza gesehen haben: Sie haben im Internet Videos über Massentierhaltung gesehen. Und diese Leute, die die Nahrungsmittelproduzenten so respektlos behandeln, fordern dann, man solle dem Veganismus gegenüber Respekt zeigen. Begründung: Die Veganer sind Menschen mit einem höheren Bewusstsein. Das wissen sie wiederum aus dem Internet.

Spricht man einen Veganer darauf an, dass Soja in Mitteleuropa nur mäßig gut gedeiht und in der Regel von weither kommt, kommt möglicherweise die Antwort, aber Lupinen könne man gut anbauen. Es ist ja schön, dass die Veganer in der Theorie so genau wissen, was man tun kann. Aber was tun sie in der Praxis außer reden? In der Praxis steht man halt doch im Laden vor der Wahl zwischen Milchprodukten und Sojaprodukten. In Reformhäusern verdrängen heute vegane Produkte aus gentechnisch veränderter Soja die Milchprodukte aus ökologischer Erzeugung. Hauptnutznießer ist – das dürfte wohl sofort einsichtig sein – die Gentech-Industrie. Das Nachsehen hat die biologische Landwirtschaft.

Konsequente Veganer lehnen auch Gemüse ab, das mit tierischem Mist gedüngt ist. Was ist die Alternative? In der Praxis in erster Linie synthetischer Dünger, der in der biologischen Landwirtschaft jedoch aus guten Gründen verboten ist. Fragt man Veganer danach, kann die Antwort sein, man könne auch menschliche Exkremente kompostieren und damit düngen. Wenn ein Veganer das tut und nicht nur redet, ist das sicher fantastisch. Aber für Städter ist das graue Theorie. In der Praxis kann man derzeit meist nur wählen zwischen Gemüse, das organisch gedüngt ist, und zwar zumeist mit tierischen Düngern – womit man nun halt doch auf Kosten der verhassten Tierhalter lebt –, und Gemüse, das chemisch gedüngt ist. Ein Ablehnen von Mist ist also ganz im Sinne der Kunstdüngerindustrie.

Der ökologisch verträgliche Veganismus mit Lupinenprodukten und Humankompost ist bislang in den wenigsten Fällen mehr als ein Traum. Während viele Veganer ihre Argumente und ihr Leben träumen, werden in der biologischen Landwirtschaft mit integrierter Viehhaltung Argumente und Träume gelebt. Dort weiß man in der Regel, dass die Tiere als Teil eines landwirtschaftlichen Ökosystems mehr Wert haben als den, den die Städter kennen.

Über den Vegetarismus sagt der große Lehrmeister der Selbstversorgung John Seymour in seinem Buch „The Complete Book of Self-Sufficiency“ (deutsch unter dem Titel „Das große Buch vom Leben auf dem Lande“), Vegetarier seien meist Menschen, die solange von Tieren getrennt leben, dass sie zur Vermenschlichung neigen. Andererseits zeigen die Autoren des etwas spirituellen „Handbuchs für Selbstversorger“, die sich Parvatee und Shankara nennen, dass Vegetarismus und ein ländliches, auf Selbstversorgung ausgerichtetes Leben miteinander vereinbar sind. (Leider verschweigen sie ihrer geneigten Leserschaft, was sie mit den Zicklein oder Kälbern machen, die bei ihrer Milchproduktion zwangsläufig anfallen.) Der Beweis, dass auch der Veganismus mit einem nachhaltigen Ressourcenmanagement vereinbar ist, steht bislang noch aus. Sicher besteht auch emotional ein großer Unterschied zwischen Vegetariern, die es vor toten Tieren ekelt, und Veganern, die es auch vor lebenden Tieren und deren Produkten ekelt.

Manche Veganer, falls sie überhaupt etwas von biologischen Landwirtschaftsmethoden wissen, gehen so weit, dass sie gar die Schädlingsbekämpfung mit Hilfe von Nützlingen wie Schlupfwespen, Florfliegen oder Marienkäfern ablehnen, aus Mitleid mit den armen Marienkäfern, die so grausam ausgebeutet werden, indem sie Blattläuse fressen müssen. Fernab der ländlichen Verantwortung kann man leicht sagen, der Begriff „Schädlinge“ sei diskriminierend und man solle Blattläuse, Schnecken oder Kartoffelkäfer doch einfach am Leben lassen. Ohne biologische Bekämpfungsmethoden bleiben Pestizide. Will jemand immer noch bezweifeln, dass diese Argumentation aufgrund wirtschaftlicher Interessen lanciert wurde?

Es gibt auch (und das ist kein Scherz) Veganer, die Wurmkompost ablehnen – aus Mitleid mit den armen Würmern, die im Kompost leben müssen. (Ja, wo denn sonst? Auf der Autobahn?) Die Kunstdünger-Industrie wird sich bedanken.

Konsequente Veganer nutzen auch keine Wolle und kein Leder, setzen also vermehrt auf Synthetikprodukte. Auch Eigelb zur Haarpflege, Bienenwachskerzen und Salben auf Bienenwachs- oder Rinderfettbasis werden von veganen Hardlinern abgelehnt zugunsten synthetischer Produkte. Was aber würden die Veganer sagen, wenn sie wüssten, dass ein großer Teil des Obstes, das sie essen, aus der Bestäubung durch Honigbienen hervorgeht? Wollte jemand nur Äpfel, Orangen und Aprikosen essen, die von wild lebenden (und damit möglicherweise nicht ausgebeuteten) Hummeln bestäubt sind? Da würde die verfügbare Menge deutlich sinken. Man stelle sich Veganer vor, die mangels befriedigenderer Beschäftigung ständig neben den Blüten stehen, um zu notieren, welche Insekten sie besuchen, um nachher die richtigen, vegan bestäubten Früchte zu essen.

Es bleiben Fragen wie diese: Dürfen konsequente Veganer Kulturlandschaften genießen, die von weidendem Vieh geschaffen wurden? Dürfen sie in solchen Landschaften Kräuter sammeln, etwa Schafgarbe auf Schafweiden, Thymian in mediterranen Zwergstrauchgesellschaften, Brennnesseln auf Geilstellen? Zuerst einmal muss ihnen jemand diese Zusammenhänge erklären. Aber ob sie sie verstehen?

Viele Veganer halten sich für Rebellen, da sie offensichtlich den Paradigmenwechsel von einer Rebellenernährung zu einem Vorzeigebekenntnis snobistischer Kreise noch nicht mitbekommen haben. Veganer zu sein, ist heute bequemer, als echter Rebell zu sein, da man allenthalben offene Türen einrennt und etliche Industrieinteressen hinter sich hat.

Sicher sind die wenigsten Veganer bewusste Kämpfer für die Gentechnik-, Kunstdünger- und Pestizidindustrie und gegen die biologische Landwirtschaft. Aber sie machen sich unbewusst zu willigen Werkzeugen dieser Industrien, die deren kindlich-weltfremde Leichtgläubigkeit ausnutzen. Welche Lobby finanziert es, dass wir heute in den verschiedensten Medien beständig mit – sich zum Teil wissenschaftlich gebender – Werbung für den Veganismus berieselt werden?

Kapitalismuskritiker sagen oft, die Unzufriedenheit der Menschen sei vom System gewünscht, da unzufriedene Menschen mehr konsumieren. Die durch den Veganismus kreierten sozialen Spannungen und Gruppenzwänge zum Verzicht auf gewisse Genüsse erzeugen ganz bestimmt Unzufriedenheit und nach dieser These mehr Konsum. Veganismus ist ja nicht etwa Konsumverzicht, sondern Umlagerung des Konsums, meist fort von lokalen Naturprodukten in Richtung auf Industrieprodukte.

Wer gesundheitliche Gründe für den Veganismus anführen will, findet im Internet einiges, um zu vergessen, dass der Mensch von Natur aus omnivor ist. Da kursieren in der letzten Zeit massenweise Hetztexte gegen Milch und deren Derivate. Zum Teil ist unschwer zu merken, dass hier die Sojaindustrie Negatives aus dem Zusammenhang gerissen und zusammengestellt hat, um ihre Konkurrenz schlecht zu machen. Viele Veganer nehmen das ernst und begreifen nicht, dass die Tatsache, dass Milch einige Gegenanzeigen hat (wie sie auch Knoblauch, Zitronen, Kaffee und praktisch alle Heilpflanzen haben), nicht bedeutet, dass jede Milch immer und überall schlecht wäre.

So heißt es etwa, Käse sei ungesund, weil er viel Fett enthält. Nun könnte man ja auch schließen, dass Menschen mit wenig körperlicher Betätigung (was bei Veganern häufig der Fall ist) den Käsekonsum mäßigen sollten. Doch hat das Prinzip der Mäßigung keinen Platz im dualistischen Denken, das nur gute und schlechte Nahrungsmittel unterscheidet. Was würden die Leute, die mit dem Fettgehalt gegen Käse argumentieren, sagen, wenn sie wüssten, dass die Erdnüsse und Avocados, die sie essen, noch mehr Fett enthalten?

Immer wieder wird das Argument aus der Mottenkiste hervorgekramt, dass Tierprodukte Cholesterin enthalten, obwohl das nach heutigem Wissensstand ziemlich belanglos ist. Da die meistverkauften Pharmaprodukte die Statine zum Cholesterinsenken sind (mit all ihren schädlichen Wirkungen), gibt es ökonomisches Interesse daran, dass die Menschen Angst vorm Cholesterin haben.

Ein merkwürdiges Argument, das von Milchgegnern benützt wird, ist, Milch sei nicht gut, weil sie in einem ausgedehnten Gebiet der Erde keine Tradition hat. Es wäre ja interessant, zu erfahren, dass nur Produkte gut sind, die auf der ganzen Erde Tradition haben. Welche das wohl sind? Immerhin haben die Menschen in weiten Teilen der Erde (Europa, Afrika, Westhälfte Asiens) jahrtausendelang mit Milch prosperiert. Und wenn dieses Argument aus veganem Munde kommt? Mögen doch die Veganer erklären, wo ihrer Ansicht nach der Veganismus Tradition hat! Der Vegetarismus hat nur im indischen Kulturareal Tradition, als integraler Bestandteil einer streng hierarchischen Gesellschaftsordnung. Und zwar im Allgemeinen mit hoher Wertschätzung der Milch.

Als unvoreingenommener Beobachter muss man sich ja schon fragen, warum ausgerechnet die Milch so sehr von einer Hetzkampagne betroffen ist und nicht etwa Kartoffeln, Bohnen (beide im Rohzustand giftig) oder Erdbeeren (bei manchen Menschen Allergie auslösend). Da müssen doch wohl Interessen dahinter stecken.

Es mag auf den ersten Blick nicht einleuchten, warum die Sojaindustrie Interesse haben sollte, den Veganismus zu verbreiten, lebt sie doch auch davon, dass Rinder mit Soja gemästet werden. Nun ist aber kaum davon auszugehen, dass eingefleischte Karnivoren sich von der veganen Mode verführen lassen und damit als Fleischkunden verloren gehen. Das sind doch eher Menschen, die ohnehin wenig oder kein Fleisch essen. Nicht von ungefähr richten die Schmähtexte in letzter Zeit ihr Augenmerk besonders auf Milch und ihre Derivate, nicht so sehr auf Fleisch oder Eier.

Neben den echten Veganern gibt es auch Fast-Veganer, die beispielsweise Eier essen, aber nur wenn die Hühner ohne Hahn gehalten werden und damit sichergestellt ist, dass die Eier unbefruchtet sind. Menschen, die keine befriedigenden Aufgaben im Leben haben, sind manchmal ungemein erfindungsreich, wenn es darum geht, sich und auch anderen das Leben zu erschweren.

Die Verachtung vieler Lebensmittel in einigen modernen Ernährungslehren (und da ist der Veganismus kein Einzelfall) ist sicher ein Symptom von verhätschelten Luxuskindern, die nie mit körperlicher Anstrengung die Stillung ihrer Grundbedürfnisse erarbeiten mussten und sich auch keine Gedanken machen, wessen Arbeit sie diesen Luxus verdanken. Menschen, die Mangel erlebt haben, können über solche Spielchen meist nur den Kopf schütteln. Da können sie wie eine Essstörung erscheinen, ähnlich der Anorexie oder der Bulimie. Er kann auch eine sozial anerkannte Verhüllung einer Anorexie sein. Sicher sind die Patienten fernab von Nutztieren mit übertriebener Hygiene aufgewachsen, kennen Milch nur aus dem Supermarkt und Tiere vor allem aus Zeichentrickfilmen, wo sie genau wie Menschen denken, fühlen und sprechen, während Pflanzen meist stumme, gefühllose Objekte sind. In der Regel sind es Leute, die die Welt mehr aus dem Internet kennen als durch ihrer eigenen Hände Arbeit.

Ein wichtiges Motiv für viele Veganer ist, dass sie sich moralisch anderen überlegen fühlen wollen. Dieses egozentrische Motiv zeigt sich auch darin, dass viele Veganer aller Welt ungefragt und ohne Zusammenhang sagen, dass sie Veganer sind, etwa wie ein religiöses Bekenntnis.

Es passiert ja öfters, dass Menschen, die Schwierigkeiten mit ihren Mitmenschen haben, sich demonstrativ einfühlsam für nichtmenschliche Wesen geben (oftmals bevorzugt solche, die weit weg sind) und damit oft auch ihre Aggressionen gegen ihre Mitmenschen rationalisieren. Natürlich zeigen nicht alle Veganer solche Aggressionen, aber einige sehr wohl.

Was würde aus den Veganern, müssten sie selber im Schweiße ihres Angesichts Nahrungsmittel erzeugen, statt das andere für sich machen zu lassen, und nicht nur auf spielerischem Niveau? Wenn sie sich nicht mehr fernab aller Landwirtschaft ein naives Weltbild zusammenbasteln könnten? Könnten sie dann die Welt jenseits ihres Tellers weiterhin auf Stereotype beschränken, die wenig mit der Realität zu tun haben?

Natürlich wird es den Veganern nicht gelingen, die Viehwirtschaft insgesamt zu schwächen. Aber sie werden vielleicht die kleinbäuerliche Viehwirtschaft schwächen, was dann unweigerlich zugunsten der Massentierhaltung geht. Schon heute schwächen sie –  wie ein Blick in einschlägige Geschäfte zeigt – die biologische Landwirtschaft und sie schwächen die lokale Produktion zugunsten der industriellen Produktion und der Globalisierung. Die bedrohliche Unterwanderung der Bio- und Naturkostszene mit Palmöl und genmanipulierter Ware ist erst durch die vegane Mode möglich geworden.

Verstehen die Veganer denn gar nicht die Konsequenzen ihres Hobbys? Da der Veganismus ein ich-bezogenes Hobby ist, verwundert nicht, dass diese Menschen sich nicht als Teil einer Gesellschaft und damit eines komplexeren Systems begreifen. Vielleicht sollte in den Schulen Unterricht in Kybernetik oder Ökologie eingeführt werden, damit das Denken in systemischen Zusammenhängen zum Teil der Allgemeinbildung wird. Und auch Unterricht in Landwirtschaft, damit auch Städter begreifen, dass das Gemüse nicht aus dem Nichts entsteht, sondern Dünger, Schädlingsbekämpfung und Arbeitseinsatz braucht.

Externe Links:

Aus der Chemiekücke

Warum ich (wieder) Fleisch esse (auf Französisch)

Vorsicht mit den Ernährungslehren! (auf Spanisch)

Cholesterin (auf Spanisch)

Literatur:

Der vegane Ritt auf dem schlechten Gewissen. In: Zalp 2015, S. 30-32 (auch online hier zu finden).

Vegane Produktion. In: Sankt Galler Bauer 26. Juni 2015, S. 33f.