Gereon Janzing, geobotánico y etnobotánico
Gereon Janzing, geobotánico y etnobotánico

Neulinge auf Ibiza

Nein, diesmal soll es ausnahmsweise nicht um die unterschiedlichen Gruppen neu auf Ibiza eingewanderter Menschen gehen. Diesmal wollen wir uns mit Neophyten und Neozoen beschäftigen. Neophyten sind neu eingewanderte oder eingeführte Pflanzen, Neozoen sind neu anwesende Tiere.

Zunächst aber einmal: Wo ist die Grenze zwischen „neu“ und „alt“ zu ziehen? Man unterscheidet in der ökologischen Fachsprache zwischen Neophyten, die nach 1500 in einem Gebiet angekommen sind, und früher angekommenen Archäophyten. Entsprechend setzt man auch bei Archäozoen und Neozoen die Grenze bei etwa 1500, mit der Etablierung transatlantischer Kontakte. Der Johannisbrotbaum ist also ein Archäophyt, die von den Phöniziern angebrachte Ginsterkatze ein Archäozoon.

Seit einigen Jahrzehnten geistert das Schlagwort der „invasiven Neophyten“ durch die Naturschutzbewegungen.

Der sicher bekannteste dieser „invasiven Neophyten“ auf Ibiza ist der schwefelgelb blühende Kap-Sauerklee (Oxalis pes-caprae), der sich an Wegrändern und auf Feldern ausbreitet. Nicht nur auf Ibiza, im ganzen Mittelmeergebiet und auch auf den Kanarischen Inseln, aber wir wollen hier über Ibiza und gelegentlich über Formentera sprechen. Für Gemüsebauern ist er ein lästiges Unkraut, sie entfernen ihn nach Möglichkeit. Das ist nicht aus Fremdenfeindlichkeit, denn sie tun dasselbe mit Archäophyten und heimischen Pflanzen auch, wenn sie auf dem Acker stören, ebenso mit heimischen Schnecken und Blattläusen.

Die ökologische Bedeutung der Neophyten und Neozoen wird oft sehr polemisch diskutiert. Bedeuten sie eine Verfälschung der Flora und der Fauna? Stören sie das ökologische Gleichgewicht? Richten sie Schäden an der heimischen Tier- und Pflanzenwelt an?

Die Entscheidung darüber, ob etwas gut oder schlecht ist, ist bekanntlich sehr subjektiv. Ebenso, wie es keine objektive Antwort auf die Frage gibt, ob deutsche Einwanderer auf Ibiza gut oder schlecht sind, kann man auch nicht objektiv sagen, ob man den Kapsauerklee als störend oder als schön empfinden muss. In relativ unberührten Wäldern ist er kaum zu finden, praktisch nur in stark menschlich überformten Biotopen.

Unter Naturschutzaktivisten wird oft die Meinung vertreten, solche Neuankömmlinge seien eine Bedrohung für die heimischen Ökosysteme und man müsse sie bekämpfen. Sie würden heimische Arten verdrängen. Fragt man aber einmal nach, welche Arten sie denn nun verdrängen, bekommt man als Antwort meist nur ein verunsichertes Schulterzucken.

Ökologisch ausgebildete Menschen sehen die Ankunft von Neulingen naturgemäß differenzierter, im Allgemeinen weniger dramatisch. Es gibt Einzelfälle, in denen vor allem auf Inseln eingeschleppte Tiere eine verheerende Wirkung auf die heimische Fauna haben. Aber in den meisten Fällen können sich die Neulinge gegenüber den heimischen Arten kaum behaupten.

Da das südafrikanische Kapland ein Klima ähnlich dem des Mittelmeergebietes hat, fühlen sich Neulinge von dort im Mittelmeergebiet oft ziemlich wohl. Hinzu kommt, dass jenes Gebiet sehr reich an einmaligen Arten ist und somit ein Eldorado für Zierpflanzensucher bietet. So finden wir auf den Pityusen außer dem Kap-Sauerklee auch mehrere Mittagsblumengewächse, die aus Gärten verwildert sind. An Stränden von Ibiza und Formentera sind beispielsweise Carpobrotus acinaciformis und Mesembryanthemum cristallinum immer häufiger zu finden. Muss man sie nun als störende Fremdlinge bekämpfen? Oder darf man sich an ihnen freuen und sie als Bereicherung der Flora sehen? Klar ist eines: Sich über die Neulinge zu ärgern, löst keine Probleme.

In diesem Jahr erschien im Münchner Ökom Verlag das Buch von Fred Pearce „Die neuen Wilden. Wie es mit fremden Tieren und Pflanzen gelingt, die Natur zu retten“ (Übersetzung aus dem Englischen; eine Rezension hier: http://www.gereon.es/deutsch/artikel/eine-neue-natur/). Der Autor vertritt die These, dass Neulinge eine Bereicherung sind und in Zeiten des Klimawandels gar die Zukunft darstellen. Man muss nicht alle seine Aussagen in ihrer vollen Konsequenz akzeptieren. Sicher aber kommt ihm das Verdienst zu, der verbreiteten Hysterie gegen Neuankömmlinge etwas Konstruktives, Optimistisches entgegenzustellen. Nach seiner Einschätzung ist nur 1% der Neulinge problematisch, wobei er den geneigten Lesern jedoch verschweigt, wie er zu dieser Zahl kommt. Eines aber wird klar: Wir können nicht pauschalisieren, sondern müssen jeden Fall einzeln betrachten.

Nun sind Ökosysteme von jeher in einem ständigen Wandel begriffen, sei es nun mit oder ohne menschliche Eingriffe. Arten sind immer gewandert und das ist an sich nichts Besorgniserregendes. Heute gibt es durch menschliches Zutun schnellere Wanderungen. Aber auch das muss uns nicht ängstigen. Pearce meint im erwähnten Buch: „Die Widerstandskraft und die Selbstheilungskräfte der Natur werden von den meisten Naturschützern nicht zur Kenntnis genommen.“

Auch das Wirken des Menschen muss man nicht immer einseitig negativ bewerten, sonst müsste unser logisches Ziel sein, die eigene Art auszurotten. Allzu oft wird Ökologie mit Misanthropie verwechselt, und nicht nur auf Ibiza. Das menschliche Wirken hat im Laufe der Jahrhunderte auch auf Ibiza wertvolle Lebensräume geschaffen wie die der extensiven Weidewirtschaft zu verdankenden Garrigues oder die Mauern.

Es ist nun so, dass viele eingeführte Pflanzen kaum oder gar nicht verwildert vorkommen. Das gilt für die allermeisten Nutz- und Zierpflanzen, auch Archäophyten. Der aus dem Orient stammende Johannisbrotbaum (Ceratonia siliqua) verwildert gelegentlich, aber sicher nicht in bedrohlichem Maße. Der in Mexiko heimische Feigenkaktus (Opuntia ficus-indica) als Neophyt ist hier auch nicht oft verwildert zu finden, anders als etwa auf La Gomera, wo er einen idealen Lebensraum gefunden hat (ohne viel Heimisches zu verdrängen). Auch die südamerikanische Kapuzinerkresse (Tropaeolum majus) pflanzt sich zwar im Garten gut fort, breitet sich aber selten weiter aus.

Von den wichtigen amerikanischen Nutzpflanzen Mais und Tomate wurden auf Ibiza im Laufe der Jahrhunderte lokale Sorten entwickelt. Spontan findet sich die Tomate nur, wo sie keine Konkurrenz hat; der Mais kann sich gar nicht alleine aussäen und kann daher gar nicht invasiv werden.

Neuerdings machen sich in ibizenkischen Ortschaften Papageien breit, wie sie schon von Städten wie Barcelona oder Santa Cruz de Tenerife bekannt sind. Man kann sicher nicht sagen, dass sie in Städten in nennenswertem Umfang die heimischen Tiere verdrängen. Eher nehmen sie Lebensräume ein, aus denen die Menschen viele heimische Tiere vertrieben haben. Eine Bedrohung geht eher vom hemmungslosen Bauen aus als von den Papageien.

Wie ist es aber mit den Schlangen, die Ibiza seit ein paar Jahren invadieren? Bisher sind es die Treppennatter (Rhinechis scalaris) und die Hufeisennatter (Hemorrhois hippocrepis). Es bestehen Ängste, dass sie die Pityuseneidechse (Podarcis pityusensis) zum Verschwinden bringen. Seit Jahrtausenden wurden immer wieder Schlangen eingeschleppt, überlebten aber nie lange. Wir schreiben das heute nicht mehr wie die Phönizier dem Beschützergott Bes zu, eher dem Igel, der Schlangen tötet. Der Igel ist aber durch den zunehmenden Straßenverkehr in seinem Bestand stark reduziert worden. Vielleicht wäre es ehrlicher, die Gefahr eher im Autoverkehr als in den Schlangen als Neulingen zu sehen.

Problematisch ist der mancherorts angepflanzte Eukalyptus aus Australien, weil er recht viel Wasser saugt. In manchen Gegenden wurde er angepflanzt, um Sümpfe trockenzulegen. Auf Ibiza, wo ohnehin immer mehr Wassermangel herrscht, ist dies nicht so erwünscht. Zum Glück für den Wasserhaushalt der Insel breitet er sich nicht invasiv aus.

Dieser Beitrag soll nun kein Freibrief sein, bedenkenlos alles einzuführen. Aber er soll uns ermöglichen, die Neuankömmlinge vorurteilsfrei zu betrachten, und uns erlauben, auch Schönheit an ihnen zu sehen.