Gereon Janzing, geobotánico y etnobotánico
Gereon Janzing, geobotánico y etnobotánico

„Gewaltlosigkeit“ – eine neue Form der Gewalt?

Dieser Artikel erschien - in etwas abgeänderter Form - in: Kritische Ökologie 25 (1) 2010: 36-38.

Wer etwas verkaufen will, sollte es möglichst attraktiv benennen. Hersteller von Joghurt schreiben nie in der Zutatenliste: „verschimmeltes Sägemehl“, sondern statt dessen: „natürliches Aroma“, und so leben unkritische Konsumenten im Wahn, im Joghurt mit Erdbeergeschmack wäre etwas enthalten, was von Erdbeeren stammt. Genauso bezeichnet sich niemand als „fantasielos“, dann doch lieber als „gewaltlos“. Der Begriff wird eigentlich nie definiert, wie Hanna Poddig in ihrem radikal mutigen Buch scharfsinnig analysiert (S. 110-118). Und doch lassen sich viele Menschen durch dieses Wort so besäuseln, dass sie keine Kritik mehr äußern. Wem küssen wir die Füße, wenn wir dieses Wort konsumieren, ohne zu fragen, welche wirtschaftlichen und Machtinteressen im konkreten Fall dahinter stecken?

Beliebig anwendbare Modefloskel

Immer mehr Nicht-Regierungs-Organisationen (NROs) schießen aus dem Boden, die die wohlklingende „Gewaltlosigkeit“ ohne Definition für sich beanspruchen. Und auch und gerade in der Friedensbewegung gibt es viele Menschen, die sich durch dieses Schlagwort zum Schweigen bringen lassen und den Mut verlieren, die NROs zu kritisieren.

Betrachten wir als Beispiel „Peace Brigades International“ (PBI). Es geht mir nicht darum, mit dem Finger auf PBI zu zeigen oder gar die mutigen Methoden und die ursprünglichen wertvollen Ideale in Frage zu stellen, sondern eine Diskussion anzuregen, die den Begriff der „Gewaltlosigkeit“ reflektiert.

PBI ist eine NRO, die in verschiedenen Ländern mit unbewaffneten Leibwächtern Menschen beschützt, die sich bedroht fühlen; und zwar nur solche, die laut PBI-Sprache „gewaltlos“ sind.

Was verrät uns die Tatsache, dass PBI einerseits ein Lippenbekenntnis zur „Gewaltlosigkeit“ macht, andererseits aber das „Gewaltmonopol“ des Staates zu einem gemeinsamen „Wert“ erhebt und die „Gewaltenteilung“ nach westlichem Muster allen Staaten aufzwingen will? Da wird das, was man doch vorgibt, abzulehnen, monopolisiert und zugleich geteilt und dann zum „Wert“ erhoben. Deutlicher lässt sich die Sinnentleerung der Begriffe ja kaum noch parodieren. Müssen die Papuas in Westpapua der indonesischen Besatzungsmacht ein „Gewaltmonopol“ zugestehen? Kognitiv interessant ist, dass der getrübte Blick des wohldressierten Untertanen die von der Obrigkeit begangene Gewalt (Staatsgewalt) gar nicht als Form der Gewalt wahrnimmt, sondern quasi als ihr Gegenteil. Sind sie sich gar nicht bewusst, dass dieser Schulterschluss mit der Staatsgewalt auch eine Unterstützung von Atomkraft, Gentechnik, Kriegen und rücksichtsloser Abschiebung von Asylbewerbern bedeutet? Ist das die „Gewaltlosigkeit“, die wir wollen?

Nach PBI-Konsens ist es eine „gewaltlose“ Handlung, Menschen ins Gefängnis zu stecken. Sicher ist es verständlich, dass Menschen Angst vor anderen haben und diese am liebsten hinter Schloss und Riegel wissen wollen, und es steht uns auf die Ferne sicher nicht zu, das zu verurteilen. Aber ist es nicht zynisch, das als „Gewaltlosigkeit“ zu bezeichnen? „Gewaltlosigkeit“ ist natürlich kinderleicht, wenn ich erst einmal alle, die meiner „Gewaltlosigkeit“ im Wege stehen, fortschaffe. Ist es nicht gerade das Wesen der „Gewaltlosigkeit“, dass ich auch diejenigen, von denen ich mich bedroht fühle, mit Respekt behandle, sie als Menschen sehe? Wie weit ist die Friedensbewegung heruntergekommen, dass kaum Kritik an dieser Begriffserosion laut wird? Heute sind Gefängnisse „gewaltlos“, morgen sind Kanonen „gewaltlos“, und übermorgen sind Atombomben „gewaltlos“. Wenn wir heute schweigen.

Nun, jedem Tierchen seine Brille. Ich für mich kann nur folgern, dass der Gewaltbegriff von PBI für mich keinerlei Relevanz hat, dass das, was dort „Gewaltlosigkeit“ heißt, für mich abstoßend wirkt, dass ich aber aus soziolinguistischer Sicht die PBI-Sonderterminologie spannend finde.

Dazu passen auch die oft elitären Gespräche bei PBI im Stil, mit Hippies und Rucksackreisenden habe man nichts gemeinsam, und schon gar nicht mit Papuas, die sich nicht anständig kleiden, sondern immer noch mit Penisköcher rumlaufen. Und nach dieser Feindschaftserklärung sollen „Hippies“ und Rucksackreisende die PBIler noch als Friedenskämpfer wahrnehmen?

Für PBI scheint Gewalt all das zu sein, was illegal ist. Sicher muss ich bei Aktionen immer auch die Wahrnehmung des politischen Gegners im Auge behalten. Wenn ich mich für eine „gewaltlose“ Aktion entscheide, kann es wesentlich sein, dass gerade jener sie als „gewaltlos“ wahrnimmt. Aber vorschreiben lassen kann ich mir den Weg nicht vom Gegner. Die Sicht des Gegners berücksichtige ich aus strategischen Gründen, aber ich mache sie mir nicht zu eigen. Dass PBI in seinen Einsatzländern strikt legal agiert, ist zweifellos strategisch sinnvoll. Aber daraus einen kategorischen Imperativ abzuleiten, alle illegal Aktiven seien Feinde, erscheint mir nicht schlüssig. Das setzt meines Erachtens eine autoritäre Persönlichkeitsstruktur voraus, die keinen Platz für Methodenpluralismus lässt. Auch wer selber strikt legal handelt, sollte bewundernd anerkennen, dass andere den Mut zu zivilem Ungehorsam haben: Platzbesetzungen, Feldbefreiungen, Anbau illegaler Heilpflanzen ...

PBI bekennt sich zu „Demokratie“ und „Menschenrechten“. Wer gewöhnt ist, Schlagwörter nicht einfach zu konsumieren, sondern auch fragt, welche Interessen dahinterstecken, sollte bemerkt haben, dass diese beiden Wörter in Kombination heutzutage in aller Regel für die US-Hegemonie stehen. Während Greenpeace als Organisation mit Idealen Fantasie zeigt, ist bei PBI ein bloßes Funktionieren der Menschen gefragt. Ist es das Ziel von PBI, Gewaltgegner zu Dienern der (konzerngesteuerten) Staatsgewalt umzupolen?

Neusprech für „Obrigkeitshörigkeit“

Oft ist „Gewaltlosigkeit“ nicht ein gelebtes Ideal, sondern eine Erwartung an andere. Und eine Schublade, um sich selber von den Andersdenkenden, den zweckgebunden definierten „Gewalttätern“, abzugrenzen. Ist diese Bevormundung das, was wir wollen, wenn wir von „Gewaltlosigkeit“ sprechen?

„Gewaltlose Sprache“ ist oft eine Forderung von Menschen an andere. Statt zuzuhören, was die Gesprächspartner Wertvolles zu sagen haben, ist man darauf fixiert, in der Sprache „Gewalt“ zu finden (neueres Synonym für „Sünde“). Wenn ich Schwierigkeiten habe, jemandem zuzuhören, ist es natürlich das Bequemste, diese Schwierigkeiten auf mein Gegenüber zu projizieren. Wie willkommen ist mir dann eine Lehre, die es mir erlaubt, dem anderen Menschen eine „gewaltsame Sprache“ zu unterstellen, um meine mangelnde Zuhörbereitschaft zu rationalisieren!

Sicher kennt manch ein Mensch, der mit „Gewaltlosen“ zu tun hat, die Situation, dass manche Leute sehr schnell  „Gewalt“ finden: Man sieht nur, was man kennt. Die Ironie an der Sache ist, dass diese Menschen durch ihre Gewaltfixierung in der Regel sich selber unglücklich machen. Aber statt als mündige Menschen selber die Verantwortung zu übernehmen, erwarten sie von anderen Schuldgefühle. Nicht weil jemand sie persönlich angegriffen hat, sondern beispielsweise weil jemand engagiert eine militär- und autoritätskritische Meinung vertritt, die sie nicht verstehen. Sie wählen die Opferrolle frei, um andere unter Druck zu setzen. Ich lehne so ein Täter-Opfer-Spiel ab. Ich hoffe, dass sie damit glücklicher sind als mit der Opferrolle.

„Gewaltlose Sprache“ wird oft an vorgegebenen Schemata festgemacht – natürlich interessengeleitet. Und wer die Schemata einhält, darf nach Belieben „gewaltlos“ verletzen und verleumden? Und wer sie nicht einhält, soll schweigen? Heißt das, dass Kunst, Träume und Wissenschaft sich einer ideologischen Zensur unterziehen müssen? „Gewaltlose“ Diktatur? Wenn sich jemand durch meine Worte persönlich verletzt fühlt, lass ich mir das gerne sagen, nicht aber wenn mir jemand eine Lehrmeinung aufoktroyieren will. Spannend bleibt die Frage, warum Menschen sich so autoritär gebärden. Unzufriedenheit mit dem eigenen Leben? Würde ich mir meine Sprache kastrieren lassen, würde ich vielleicht auch von anderen dasselbe fordern.

Ist es Gewalt, klar Stellung zu beziehen und z. B. mit deutlichen Worten (vielleicht auch mit narrenhaft bissigen Stilmitteln) das Militär zu kritisieren? Respekt gegenüber Waffen und Herrschaftsstrukturen, nicht gegenüber Menschen? So eine Definition ist sicher im Sinne des Militärs, für mich aber irrelevant.

„Gewaltlos“ Großdeutschland bis zum Hindukusch verteidigen

Auch das „Ministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung“ beschlagnahmt schon die „Gewaltlosigkeit“ für seine Ziele: Es bezahlt eine Elitegruppe – Name: „Forum Ziviler Friedensdienst“ (Forum ZFD), Anführer: Tilman Evers –, damit sie „gewaltlos“ am deutschen Wesen die Welt genesen lässt. Kleiner Unterschied zum Deutschtum der zwei Weltkriege: Die Feinde sind nicht Franzosen, sondern Afghanen, es geht um ein US-abhängiges Nato-Deutschtum, in Evers’ stets verräterisch verhüllender Sprache: „demokratisch-menschenrechtlich“. Vgl. Hanna Poddig: „Widerstand ist zwecklos – Sie werden demokratisiert“ (S. 144).

Ziel ist, fremde Völker zu „befrieden“ (bekanntlich ein Euphemismus für: gefügig machen). Nach Möglichkeit ohne Waffen. Aber immer mit der letzten Option: „Und bist du nicht willig, so brauch ich Gewalt.“ Deshalb sind gute Kontakte zur Bundeswehr unabdingbar. Wenn man gemeinsame Ziele hat, können sich unterschiedliche Wege ergänzen. In den Beirat des Forums ZFD wurde deshalb die Kriegsfanatikerin Angelika Beer aufgenommen, als sie Militärexpertin der Grünen war.

Nun, ich sehe fremde Kulturen nicht als zu „befriedende“, ökonomisch nutzbar zu machende Wildnis, ich sehe Ethnodiversität (wie die parallele Biodiversität) als Neugier weckende Bereicherung. Und stark fühl ich mich nicht, wenn ich andere niedermache oder mich mit leeren Schlagwörtern über sie stelle, sondern wenn ich anderen das Gefühl geben kann, akzeptiert zu sein. Somit sind meine Ziele zu denen von Bundeswehr und Forum ZFD konträr, und ich kann mir keine Zusammenarbeit mit ihnen vorstellen, unabhängig von eventuellen methodischen Überschneidungen mit dem Forum ZFD. Aus gutem Grund wehren sich die Hilfsorganisationen, allen voran die Caritas, gegen jegliche Vereinnahmung durch das Militär. Wer die Zusammenarbeit mit dem Militär ablehnt, dem unterstellt Evers – als demagogisch geschulter Tatsachenverdreher –, er lehne das Gespräch (!) mit Andersdenkenden ab.

Ich hatte einen Disput mit einer Funktionärin des Forums ZFD, doch brach sie den Kontakt zu mir bald ab, da ich darauf bestand, dass die Tötung von Afghanen genauso als Mord zu bewerten ist wie diejenige von Deutschen. So etwas könne und wolle sie als „Pazifistin“ nicht ertragen. Da ich Freunde aus den verschiedensten Erdenregionen habe, versteh ich nicht, dass der Wert eines Menschenlebens nationengebunden ist. „Gewaltlosigkeit“ nur für Nato-Bürger?

Evers gestand, dass es unter ihnen die Diskussion gibt, ob man Gewalt unter Umständen „als das kleinere Übel zur Vermeidung größerer Gewalt akzeptiert“. Die Diskussion gibt es ja auch bei direkten Aktionen, in der Regel mit weniger selbstsüchtigen Zielen. So erachtet die Sea Shepherd Conservation Society Schiffeversenken zur Vermeidung rücksichtsloser Meerestierbejagung als diskutabel (manchmal als „Ökoterrorismus“ kriminalisiert). Bei Greenpeace dagegen ist auch dies indiskutabel. Während ich die Greenpeace-Aktiven bewundere, hat Evers für so ein Verständnis von „Gewaltlosigkeit“ nur verleumderischen Spott übrig: So konsequent zu sein, ist für ihn nicht etwa eine Stärke, sondern eine persönliche, biografiebedingte Aberration. Warum haben die Mutlosen, die keine Träume und Ideale mehr haben, oft so ein Bedürfnis, die zu attackieren, die Ideale haben und leben? Neid? Ein schlechtes Gewissen? Heimliche Bewunderung?

In infantilem Größenwahn nennen sich die Diener des Forums ZFD „Friedensfachkräfte“: Man wähnt, als auserlesene Minderheit mehr über Frieden zu wissen als die ungebildete Mehrheit, und alle müssen dieses Nato-deutsche Verständnis von „Frieden“ lernen. Also lasset uns singen: „Wir pred’gen den Heiden das Christentum / Wie brav / Und wer’s nicht will glauben, den bringen wir um / Piff paff / Oh, selig die Wilden, die also man lehrt / Die christliche Liebe mit Feuer und Schwert“ (aus dem deutschen Volkslied „Bibel und Flinte“, Melodie wie „Es klappert die Mühle am rauschenden Bach“). Nur wird das Deutschtum hier nicht als „christliche Liebe“, sondern als „Frieden“ betitelt.

Während sich die Ärztevereinigung IPPNW klar äußerte, sie wolle nicht die kriegstraumatisierten Menschen betreuen und sich dadurch zum Werkzeug des Krieges machen, macht sich Evers ganz bewusst zu einem Werkzeug des Krieges und betreut Kriegstraumatisierte: Es gilt nicht, Kriege zu verhindern, sondern das schwer belastende Gewissen der Kriegsdiener fortzutherapieren. Probleme an der Wurzel anzupacken, findet dieser Herr zu „einfach“.

Manche Organisation fällt auf den „Frieden“ im Namen dieser kolonialen Gruppe herein und biedert sich ihr an, offenbar ohne Gespür dafür, wes Geistes Kind sie da unterstützt.

Ausblick

Neulich sah ich eine rührende Ausstellung mit Gemälden und Collagen von Kindern zum Thema „Krieg und Frieden“. Z. B. ein Bild, das Kinder der verschiedensten Erdengegenden darstellt, die sich an den Händen halten, und dabei stand (auf Katalanisch): „Wir sind Freunde.“ Ich bin sicher, dass dieses Kind mehr vom Frieden versteht als alle „Friedensfachkräfte“ zusammen und dass auch ich als Sozialwissenschaftler noch einiges von ihm lernen kann. In so vielem sehe ich mehr Friedenspotenzial als in der „Befriedung“ fremder Völker: Kindern Geschichten erzählen, mit Kunst die Schönheit der Welt darstellen, Menschen unerwartet Geschenke machen, Coca-Cola und Shell boykottieren, mit offenem Herzen reisen, einsame alte Menschen besuchen, die heimische kleinbäuerliche Landwirtschaft unterstützen, bei Problemen an Lösungen glauben, Fremdsprachen lernen, singen: „Imagine all the people living life in peace. You may say I’m a dreamer, but I’m not the only one.“

Wenn wir autoritäres Verhalten in seiner Lächerlichkeit demaskieren, dabei nie die Menschen als solche entwürdigen. Autoritätsgläubig Sozialisierte kennen oft nicht den Unterschied, daher hier ein Beispiel: Das wichtigtuerische Gebrüll eines Polizisten verulken, nie aber seinen Sprachfehler oder die Form seiner Nase.

Mohandas Karamchand Gandhi verrichtete als Teil seines „gewaltlosen“ Kampfes praktische Tätigkeiten. So saß er im Staub und spann, um wirtschaftliche Abhängigkeiten zu überwinden. Manche „Gewaltlosen“, die sich werbewirksam auf Gandhi berufen, fühlen sich zu gut für solche Tätigkeiten. Aber wenn wir wirklich Frieden wollen, müssen wir deren Wert anerkennen. Wichtig ist z. B., dass wir eigenes Saatgut züchten. Ebenso ist wichtig, Felder von Gentechnik zu befreien, beides kann nur Hand in Hand gehen. Eine „Gewaltlosigkeit“, die beides gegeneinander ausspielt, nützt der Gentechniklobby und schadet der Biodiversität.