Gereon Janzing, geobotánico y etnobotánico
Gereon Janzing, geobotánico y etnobotánico

Die Welt, wie sie ihm gefällt

Windiger Evolutionsbiologe propagiert pseudowissenschaftliche Theorien pro Grüne Gentechnik

(publiziert in etwas überarbeiteter Form in: Umwelt aktuell 3/2014: 6-7; ausführlichere Rezension des Buches hier.)

Ein ungewöhnliches Hobby hat der Kasseler Lehrstuhlinhaber für Pflanzenphysiologie und Evolutionsbiologie Ulrich Kutschera: Er beschäftigt sich intensiv mit dem Kreationismus, was er ausführlich in seinem Buch „Design-Fehler in der Natur“ berichtet¹. Hat man als Evolutionsbiologe nichts Besseres zu tun, als den Kreationisten diese übersteigerte Aufmerksamkeit zu zollen? Liegt es fern, da versteckte Motive zu vermuten? Nun: Es deutet alles darauf hin, dass er in Wahrheit beweisen will, dass die Natur korrekturbedürftig ist, und zwar mit Hilfe von biotechnologischen Verfahren wie Gentechnik und Klonen.

Es ist kaum damit zu rechnen, dass viele Biologen seine Ergüsse ernst nehmen. Schon allein sein polemisch-hasserfüllter Stil zeigt, dass es sich mehr um einen politisch-ideologischen Kampf handelt als um Faktendarstellungungen. Zudem betont Kutschera immer und immer wieder seine Wissenschaftlichkeit und die Unwissenschaftlichkeit aller Andersdenkenden mit wiederholten inhaltsleeren Attacken gegen die (von ihm völlig undifferenziert so genannten) „Geisteswissenschaftler“ (S. 61, 78, 86, 253, 346). Normalerweise überzeugt ein Wissenschaftler nicht durch affektiertes Zurschaustellen von Wissenschaftlichkeit und ständiges Betonen seiner Seriosität, sondern durch Faktenwissen und Verständnis für Zusammenhänge. Zumindest dieses Letztere lässt er vermissen, wie im Folgenden ausgeführt wird.

Nun ist aber zu fürchten, dass einige Laien sich durch seine strategische Anbiederungstechnik beirren lassen und seinen abstrusen Gedankengängen Glauben schenken, wobei ihm seine akademische Position eine gewisse Autorität verleiht. Deshalb sollen hier einige seiner Behauptungen aus biologischer Sicht unter die Lupe genommen werden.

Wer mit Zeugen Jehovas, Evangelikalen oder Anthroposophen über deren fiktive Erdgeschichte diskutiert hat, mag bei Kutscheras diesbezüglichen Ausführungen zunächst eine überlegene Freude spüren, da diese Mythologien hier naturgemäß schlecht wegkommen. Man mag dazu neigen, dem Autor einen Vertrauensvorschuss zu gewähren. Und das ist vielleicht seine alleinige Absicht, zumal er die Kreationisten nur mit Polemiken attackiert, aber ihren Argumenten nichts Wissenschaftliches entgegensetzen kann. Viele wissenschaftlich unbedarfte Atheisten mögen genau das in seinen Worten finden, was sie hören wollen.

Der Autor spricht immer wieder verächtlich von intelligentem Design, verhüllend „ID“, etwa durch einen Gott, der die Natur geschaffen haben soll. Sicher hat er recht mit seinen Ausführungen darüber, warum immer wieder Leute versuchen, bedeutende Forscher wie Albert Einstein und Charles R. Darwin zu widerlegen (S. 63f). Da aber seiner Ansicht nach „Diskussionen mit ID-Gläubigen sinnlos sind“ (S. 29), darf man wohl folgern, dass er nicht für diese schreibt, sondern für die schon von der Evolution Überzeugten, um sie für seine Ziele einzunehmen. Wenn er das schon nicht mit Fachwissen kann, dann zumindest mit einem gemeinsamen Feindbild.

Der Autor kritisiert, dass sich Menschen „ohne biologische Fachausbildung“ „auf einem intellektuell sehr niedrigen Niveau“ öffentlich zu Themen der Evolution äußern (S. 54). Und er äußert sich selber sehr viel zu religionsethnologischen Themen, ohne ethnologische Fachausbildung, auf einem intellektuell sehr niedrigen Niveau: Er betrachtet nur isolierte Erscheinungen ohne historische und funktionale Zusammenhänge. Und zumindest bei seinen biologischen Ausführungen sollte er doch erst einmal mit gutem Beispiel vorangehen, was das Niveau angeht.

Immer wieder findet Kutschera bei den Kreationisten „Dogmen“, während er sich selber zur „ergebnisoffenen Wissenschaft“ bekennt (z. B. S. 182). Wenn er die Homöopathie (S. 170) und die biologisch-dynamische Landwirtschaft (S. 160) verhöhnt, stellt sich die Frage: Hat er ergebnisoffene Recherchen hierzu gemacht? Oder lehnt er diese Praktiken a priori ab, weil sie seinen Dogmen widersprechen?

Das Hauptanliegen des Buches: Kutschera postuliert massenweise Designfehler in den Ergebnissen der Evolution. Als Universitätsprofessor indoktriniert er seine Studenten mit seinem Konstrukt von Designfehlern. Und er stellt überrascht fest, dass seine Fantasien „außerhalb der Fachwelt kaum bekannt“ sind (S. 61), will sagen: außerhalb seines Einflussbereichs.

Wenn ein Naturwissenschaftler etwas in der Natur nicht versteht, schreibt er das zunächst seinem begrenzten Horizont zu. Ganz anders Kutschera: Er wirft der Natur vor, sie mache es falsch und müsse mittels Biotechnolgie korrigiert werden … Beispiele für solche Fehler gefällig? Bitte sehr:

Der Autor stellt fest, der größte Teil der DNS (DNA) sei funktionsloser Schrott (S. 281). Auch die Photorespiration der C3-Pflanzen sei funktionslos (S. 239). Als Wissenschaftler kann man zunächst nur sagen, dass man bisher keine Funktion kennt. Was man nicht kennt, existiert nicht? In anderen Fällen ist sogar leicht zu zeigen, dass seine Designfehler in Wahrheit Denkfehler seinerseits sind.

Als Einstimmung auf die Biologie plaudert Kutschera seinen Lesern aus der unbelebten Natur: dass die Kristalle, etwa Kochsalzkristalle, nicht dem entsprechen, was er unter Perfektion versteht, sondern Unregelmäßigkeiten aufweisen, gar Magnesiumatome einlagern (S. 231f). Das ist sicher richtig. Aber wo ist das Problem? Vermutlich weiß er nicht, dass reines Kochsalz (NaCl) ernährungsphysiologisch minderwertig gegenüber Meersalz ist. So meint er, die Natur habe etwas falsch gemacht, dass sie keine einfach strukturierten NaCl-Kristalle nach Lehrbuch hervorbringt, ein intelligenter Designer hätte das anders gemacht. Warum? Muss ein intelligenter Designer erst einmal die Schulbücher lesen, um dann eine so einfache Welt zu erschaffen, dass auch Professor Kutschera sie verstehen und für gut befinden kann?

Auch dem geologischen Kreislauf der Gesteine bescheinigt er, ein Fehler zu sein (S. 227-231). Was daran fehlerhaft ist, erläutert er nicht, außer seiner Polemik, dass auch Christen bei Vulkanausbrüchen ums Leben kommen (S. 231). Er gesteht immerhin, dass sein „Bild von der biologischen Evolution noch bis Ende der 1990er Jahre weitgehend von der Annahme einer mehr oder weniger stabilen Erde geprägt“ war (S. 231). Fehlerhaft ist die Dynamik der Erde also offenbar nur deshalb, weil er sie bis vor kurzem nicht kannte. Die Paläontologen kannten schon Jahrzehnte vorher die Zusammenhänge von Plattentektonik und Evolution und haben deshalb keine Veranlassung, die Veränderungen in den geografischen Gegebenheiten als Fehler zu sehen.

Und nun zur Biologie: Der Honigbiene wirft der Autor vor, dass sie nicht alle Pflanzen, deren Pollen sie sammelt, effektiv bestäubt, sondern die Bestäubung mancher Pflanzen anderen Tieren überlässt (S. 245). Er nennt das „Pollen-Diebstahl“ (S. 243-245). Ausgerechnet die Honigbiene, die in der Laienwelt das Sinnbild für Bestäubung ist, vollbringt diese nicht allein! Und das ausgerechnet bei einer Pflanze, die den Menschen nützlich ist! Müssen sich also alle Tiere nach der Nützlichkeit für Menschen richten? Was würde Kutschera wohl sagen, wenn er wüsste, dass Tiere einschließlich der Menschen die Samen vieler Pflanzen (z. B. Mandeln und Haselnüsse) „stehlen“ und verzehren, wo diese doch eigentlich der Fortpflanzung dienen sollen?

Dass auch der Wind sich an der Bestäubung beteiligen muss, ist in Kutscheras persönlicher Welt ohnehin ein Designfehler: Die Bestäubung der Angiospermen durch Tiere (Zoophilie) sei „um ein Vielfaches effizienter“ als die bei Koniferen und Gräsern entwickelte Windbestäubung (Anemophilie) (S. 250). Nachdem sich die Windbestäubung Hunderte von Jahrmillionen bewährt hat, kommt endlich ein ergebnisoffener Vertreter einer evolutiv jungen Spezies daher und klärt uns auf, dass sie ein Fehler ist. Als Pflanzenphysiologe müsste er wissen, dass die aufwändigen Mechanismen zur Anlockung der Tiere (wie Nektar und farbige Kron- oder Hochblätter) in die Bilanz mit eingehen, aber das Wissen verschweigt er, da es dem erwünschten Ergebnis von Designfehlern im Wege steht. Die erhöhte Pollenproduktion ist für manche in großen Beständen auftretenden Pflanzen günstiger als die Abgabe von Nektar; in der Ökologie heißt so etwas „r-Strategie“ und keineswegs „Fehler“.

Der Autor geht sogar so weit, die geschlechtliche Fortpflanzung als Designfehler zu verurteilen. Die Fortpflanzung durch variable Klone sei intelligenter (S. 281). Und wie soll bei Klonen die Variabilität zustandekommen? Die Biologen sehen heute in der Gendurchmischung durch Sexualität einen wesentlichen Triebfaktor der Evolution. Und wir sehen, dass sich die sexuelle Fortpflanzung in vielen Organismengruppen durchgesetzt hat, was sie sicher nicht geschafft hätte, wenn sie ein derartiger Fehler wäre, wie uns der Autor (vielleicht aufgrund kirchlicher Moralerziehung) weismachen will. Es ist zu vermuten, dass es ihm hier nicht darum geht, sachliche Informationen zu verbreiten, sondern bei seinen Lesern eine Akzeptanz für das biotechnologische Klonen zu erreichen.

Dass Menschen auf den Galapagos-Inseln Hunde und Katzen eingeführt haben und diese die Meerechsen dezimieren, ist für ihn nicht etwa ein Fehlverhalten von Menschen, sondern ein Fehler der Natur, die die Echsen nicht mit einem Fluchtinstinkt ausgestattet hat (S. 256-260). Ein Freibrief für die Menschheit zu jeglicher Verantwortungslosigkeit, denn schuld ist nie der Mensch, sondern immer die fehlerhafte Natur.

Nach Kutschera ist es ebenfalls eine Fehlplanung, dass der Bombardierkäfer bei Angriffen nicht wegfliegt, sondern sich mit einer ätzenden Flüssigkeit verteidigt (S. 269-271). Während andere Menschen begeistert sind von der ungeheuren Vielfalt, mit der in der Evolution Problemlösungen entstanden sind, entscheidet Kutschera, dass eine Lösung falsch ist, weil andere Tiere eine andere Lösung gefunden haben.

„Nur im Sozialverband konnten sich Menschen auf Dauer in den Generationen-Abfolgen erhalten, d. h. Frauen sind beim Gebären auf fremde Hilfe angewiesen.“ (S. 282) Diese Erkenntnis kann man als Bestätigung dafür sehen, dass der Mensch ein soziales Wesen ist und dass der Paradigmenwechsel der Evolutionsbiologie in den 1980er Jahren berechtigt ist: Bis dahin sah man Evolution als einen Kampf aller gegen alle, und auch in kybernetischen Populationsmodellen wurden nur Konkurrenz und Prädator-Beute-Verhältnisse berücksichtigt (für Kutschera heißen die Prädatoren auch 2013 noch „Räuber“, vgl. S. 277). Seitdem aber hat auch die Kooperation ihren Stellenwert in der Selektionsdiskussion. Kutschera verschließt sich diesem Paradigmenwechsel und sieht die Abhängigkeit gebärender Frauen von der Gesellschaft als Designfehler der Natur.

Unglaublich naiv zeigt sich Kutschera in seinem quasireligiösen Erlösungsglauben an die Gentechnik, die die Ernährung der Menschheit sichern soll (S. 240, 246-248, 254). Dies dürfte das Hauptanliegen des gesamten Buches sein: der Natur Fehler nachzuweisen, um die Gentechnik zu rechtfertigen. Nun ist allgemein bekannt, dass Massen von Nahrungsmitteln vernichtet werden und dass viele Menschen an Folgen von Überernährung erkranken, während ihre Nahrung aus Hungergebieten importiert wird. Und da will er die Überproduktion noch steigern! Noch im Jahr 2013 folgt er dem wundersamen Wachstums- und Machbarkeitswahn der 1950er und 60er Jahre. Wie wäre es statt dessen mit einer Umverteilung der Güter? Ebenso ist allgemein bekannt, dass Gentechnik im Zusammenspiel mit den zugehörigen Pflanzenpatenten neokoloniale Abhängigkeiten schafft, die viele bäuerliche Existenzen zerstören und Hungersnöte vergrößern. Dass die Menschen mehrheitlich Gentechnik im Essen ablehnen, interessiert ihn nicht. Dass die Gentechnik-Lobby ganz massiv die genetische Erosion fördert, also die Agrobiodiversität vernichtet, mit der Nebenwirkung von Schädlingsausbreitungen, sieht er nicht. Wer weiß, was ihm Monsanto oder Bayer für seine wissenschaftliche Verbrämung der Fantasien von zu korrigierenden Designfehlern zusteckt?

Dem Erreger der Kraut- und Knollenfäule bescheinigt er in seinem gossenhaften Sprachstil „Massenmord“ an Kartoffeln. Diesem Designfehler der Natur will er mittels Gentechnik mit Resistenzgenen beikommen (S. 248). Was er nicht weiß: Die Natur ist ihm zuvorgekommen und hat in den Anden schon Kartoffelarten geschaffen, die resistenter sind als Solanum tuberosum var. tuberosum. Die globale Fixierung auf eine einzige Kartoffelsippe begünstigt Schädlinge. Dieser einfache Zusammenhang übersteigt offenbar die intellektuellen Kapazitäten des Herrn Professor. Dass sich Schädlinge in gigantischen Monokulturen ungehemmt ausbreiten, ist bekannt, für Kutschera aber ein Grund, die Natur anzuklagen. Das Konzept großer Monokulturen zu hinterfragen und die Agrobiodiversität zu fördern, übersteigt seinen Horizont. Sein Glaube an die Gentechnik resultiert also aus der Unfähigkeit zu komplexem Denken.

Dass der Autor wenig aus dem bibliophilen Elfenbeinturm hinausschaut, zeigt sich in seinen Ausführungen zur Landwirtschaft: Als Dünger kennt er nur NPK-Mineraldünger und Gründüngung (S. 253). Die Nutzung tierischer Exkremente (Mist) ist ihm unbekannt. Hierzu passt auch, dass er bei Getreidepflanzen „viel wertloses Stroh“ als Designfehler postuliert und dieses durch Gentechnik vernichten will (S. 247). Was er nicht weiß: In der bäuerlichen Landwirtschaft ist Stroh eine wertvolle Einstreu, die darüber hinaus die Struktur des Mistes wesentlich verbessert (Stichwort: C/N-Verhältnis) und die Nitratauswaschung ins Grundwasser reduziert (Stichwort: Kationenaustauschkapazität). Der in den Wänden der Uni verschanzte Professor will den Bauern alles rauben, was sie haben: vom Stroh bis zur Saatgutsouveränität.

Zudem ist Stroh für viele Tiere Futter. Kutschera erläutert den physiologischen Prozess des Längenwachstums, versteht aber nicht seine ökologische Relevanz. Seine Forderung an die Natur, sie hätte dicke Körner und kurze Stängel erzeugen sollen, ist völlig anthropozentrisch und damit eines Biologen unwürdig. Die Natur hat Tiere mit sehr unterschiedlichen Nahrungsgewohnheiten geschaffen, und das aus gutem Grund (Stichwort: ökologische Nische). Wiederkäuer wie Ziegen würden in einer solchen Körnerwiese fressen, bis sie qualvoll umkommen.

Interessant ist, dass Kutschera das Umfallen der Getreidepflanzen auf dem Acker als „im Widerspruch zur Annahme eines intelligenten Designer-Wesens“ sieht (S. 247). Er merkt nicht, dass das „Designer-Wesen“, dem er hier die Intelligenz abspricht, der Mensch ist, der den Acker mit überhöhten Stickstoffgaben segnet und damit das destabilisierende Längenwachstum und das Umfallen fördert.

Einen weiteren Fehler sieht er in dem, was er „Stickstoff-Paradoxon“ tauft: „Pflanzen wachsen in 78 Vol. % N₂, leiden aber ständig unter Stickstoffmangel“ (S. 254). Was würde passieren, wenn der Luftstickstoff allen Pflanzen unbegrenzt zur Verfügung stünde? So etwas ist natürlich immer schwer zu sagen. Auf alle Fälle wäre dann die Evolution der Pflanzen einen anderen Weg gegangen. Was offensichtlich ist: Generell erhöhen limitierende Faktoren die Vielfalt, da an Grenzstandorten konkurrenzschwächere Arten gedeihen können. Wer jemals von Ökologie gehört hat, weiß, dass Magerstandorte (arm an pflanzenverfügbarem Stickstoff) im Allgemeinen viel artenreicher sind als stickstoffreiche Standorte und dass Überdüngung und industriebedingte Immissionen mancherorts die Magerstandorte bedrohen (Stichwort: Hypertrophierung), was das Artenspektrum zugunsten weniger Nitrophyten verschiebt.

Auch dem Sauerstoff schreibt er ein Paradoxon als Designfehler zu: dass er einerseits lebensnotwendig ist, aber andererseits auch den Organismus schädigt. Ist also nur das korrekt, was sich eindeutig in ein Gut-und-Böse-Schema einordnen lässt? Er erwähnt die Regel „ohne Sauerstoff kein Leben“ (S. 220). Falls er dies auf das Element bezieht, entspricht es dem heutigen Kenntnisstand. Der Kontext zeigt allerdings, dass er nur von molekularem Sauerstoff (O₂) spricht. Demnach weiß er nichts von anaeroben Bakterien und weiß auch nicht, dass die Uratmosphäre keinen molekularen Sauerstoff enthielt, sondern dieser erst als giftiges Abgas der Energiegewinnung durch Photosynthese entstand, an das sich viele Lebewesen im Laufe der Evolution anpassten.

Ein Fehler sei auch, dass Pflanzen in der Photosynthese nur 5% der eintreffenden Energie nutzen (S. 235-237). Nun ist erstens bekannt, dass Energie nicht verloren geht, die restlichen 95% also z. B. als Infrarotstrahlung die Luft erwärmen – zugunsten der wechselwarmen Tiere. Zweitens muss man fragen, wozu die Pflanzen überhaupt mehr Energie speichern sollten. Um mehr zu wachsen? Das unbegrenzte Wachstum ist eine Erfindung weltfremder Theoretiker. Zum Pflanzenwachstum sind auch Nährstoffe nötig, und die sind in vielen Fällen der begrenzende Faktor. Sicher, in einem dichten Wald sind viele Pflanzen durch Licht- (also Energie-) Mangel in ihrem Wachstum gehemmt. Zum Glück für die Artenvielfalt, denn so gibt es andere Pflanzen, die sich dort eingenischt haben. Wir können spekulieren, dass vielleicht nach einem Meteoriteneinschlag mit längerer Verdunkelung der Sonne eine bedeutend höhere Photosyntheseleistung ein Artensterben wie zum Ende der Kreidezeit verhindern könnte. Dann wäre die Erde immer noch von Dinosauriern beherrscht, die Säugetiere führten weiterhin ein eher verstecktes Dasein, und der Mensch hätte sich vermutlich nie entwickelt.

So viel zu Kutscheras Designfehlern. Wenn sich so vieles durchgesetzt hätte, was ein Fehler ist, wäre das doch ein gravierendes Argument gegen die natürliche Auslese und damit gegen die Evolution. Dennoch erdreistet sich der Herr, zu behaupten, dieses Konstrukt sei „unter Naturforschern lange anerkannt“. Damit will er offensichtlich seine Glaubhaftigkeit bei Laien erhöhen. Liegt es demnach im Wesen von Naturforschern, die Funktionalität der Windbestäubung, die für ökologisch geschulte Menschen offensichtlich ist, und die für Bauern offensichtliche Brauchbarkeit von Stroh nicht zu verstehen?

Die Evolution macht offenbar so vieles falsch, hat aber einen intelligenten Kutschera hervorgebracht, der alles viel besser machen würde. Wenn Kutschera wüsste, dass er ein Zufallsprodukt der Evolution ist, wie könnte er sich dann für so allwissend halten?

Das Buch soll allgemeinverständlich sein (S. 61), ist also wohl hauptsächlich zur Indoktrination der Laienwelt gedacht, die nicht das biologische Fachwissen hat, seine Pseudowissenschaft und deren Hintergedanken zu durchschauen.

Würde es dem Autor tatsächlich darum gehen, die Evolution zu beweisen, müsste er nicht zu Falschaussagen Zuflucht nehmen, sondern könnte mit Tatsachen argumentieren. Wenn er es ständig nötig hat, zur Rechtfertigung der Gentechnik Unwahrheiten zu verbreiten, darf man wohl schließen, dass er genau weiß, dass er keine ehrlichen Argumente zugunsten der Gentechnik hat.

Anzufügen ist, dass dieser Evolutionsbiologe selbst in seinem Fachbereich den Erkenntnissen hinterherhinkt: So protzt er mit einer Systematik, die auf einem fiktiven Evolutionsverlauf vergangener Zeiten basiert (S. 162), als wir noch nicht wussten, dass Eubakterien und Archäbakterien zwei vollkommen getrennte Reiche der Evolution bilden. Die Oomyceten stellte er „bis vor kurzem noch“ in die Verwandtschaftsgruppe der Pilze, während die Botaniker schon vor über 20 Jahren wussten, dass da keine Verwandtschaft besteht. Peinlich ist, dass ein vermeintlicher Evolutionsexperte die Entstehung der Vögel vom Oberen Jura in die Kreide verlegt (S. 49). Das heißt, der berühmte Urvogel Archaeopteryx lithographica aus dem Solnhofener und Eichstätter Jura ist ihm unbekannt.

Merkwürdig ist, wie er immer wieder zusammenhanglos versucht, einzelne Elemente von Allgemeinbildung zur Schau zu tragen. Dass er einen Zusammenhang konstruiert, um über seine Entdeckung einer neuen Tierart zu berichten (S. 306f), ist sicher verzeihlich, denn auch Wissenschaftler haben ihr Ego. Warum aber demonstriert er uns ohne jeglichen inhaltlichen Zusammenhang, dass er die Lebensdaten von Wolfgang Amadeus Mozart im Kopf hat (S. 200) und dass er Hermann Hesse mit Freude gelesen hat (S. 175)? Er will offenbar die Herzen der Laien erobern, indem er sich vielseitig interessiert zeigt. Es stünde ihm gut zu Gesicht, sich auch mal für das Denken in Zusammenhängen zu interessieren.

Zur Frage, ob die Evolution ohne Gott zurechtkommt, äußert sich Kutschera entschieden negativ: Er glaubt zwar nicht, dass sie einen intelligenten Designer hat, hat aber aus der kreationistischen Mythologie das Mythologem übernommen, dass sie einen braucht: eine unumschränkt herrschende Gentechniklobby.

Gereon Janzing

1 Ulrich Kutschera: Design-Fehler in der Natur. Alfred Russel Wallace und die Gott-lose Evolution. Lit-Verlag Berlin und Münster 2013. Rezension in: Kritische Ökologie Anfang 2014.